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4.6.3 Stimmungsbrüche

Zu Beginn einer Erzählung ist man gezwungen, seine Figuren einzuführen.  Dafür muss man nicht nur beschreiben, wie sie aussehen und was sie tun, man muss dem Leser auch vermitteln, was die Figuren fühlen und denken, zumindest in einem gewissen Maß.  Andererseits muss der Anfang einer Geschichte auch immer etwas Spannendes haben und Fragen aufwerfen, damit der Leser angefixt ist und weiterlesen möchte.

Dieses Spannungsfeld von verschiedenen Anforderungen spiegelt sich oft in der Erzählung wider, die dann als ambivalentes Konstrukt daherkommt und sich nicht entscheiden kann, was sie sein will.

Die Faust traf Sandro mitten ins Gesicht. Er taumelte rückwärts und hielt sich an einer Tischkante fest, um nicht umzufallen. Er spürte einen stechenden Schmerz am Jochbein, doch die Wut, die in ihm aufstieg, verdrängte jeden Gedanken an Verletzungen. Er stürmte auf seinen Freund Manolo zu und wollte nach ihm treten, doch der schob ihm einen Stuhl in den Weg, Sandro schlug hart mit dem Knie dagegen und strauchelte. Er nahm den Stuhl an der Rückenlehne und schleuderte ihn in Richtung Manolo.

Der Stuhl traf den Cowboy und riss ihn um. Sandro sprang auf ihn zu, ließ sich auf ein Knie nieder und schlug auf den am Boden liegenden Manolo ein.

Niemals hätte er sich träumen lassen, dass die Freundschaft zwischen ihnen beiden so enden würde: im Streit über eine Frau! Es war fast lächerlich, wenn man bedachte, wie lange sie sich jetzt kannten. Er sah auf seinen besten Freund hinab und bedauerte die Situation. Eigentlich war es nur Unsinn. Sandro war ein friedfertiger Mensch, der sein Leben als Cowboy leben wollte und es genoss, große Rinderherden viele Tage über weite Strecken zu treiben und abends am Lagerfeuer in einer Pfanne ein paar Bohnen mit Speck zu braten.

Manolo wich den Schlägen aus, rollte sich weg und packte einen Tisch bei den Beinen. Mit einem kräftigen Zug riss er ihn um. Whiskyflaschen, Gläser und Karten fielen auf Sandro, der sich mit einem Arm zu schützen versuchte.

Der dritte Absatz hilft dem Leser, die Figur Sandro als Mensch mit Eigenschaften zu sehen.  Doch er ist eher deplatziert in der Mitte eines Faustkampfes.  Sandros kurz zuvor erwähnte Wut ist wie weggeblasen, mit einem Mal bedauert er sogar den Streit und kontempliert über sein romantisches Leben als Viehhirte im Wilden Westen.

Solche Stimmungsbrüche irritieren Leser und reißen sie aus dem Geschehen.  In der Folge werden vielen von ihnen den Text als wenig spannend wahrnehmen, oft ohne die Gründe dafür benennen zu können.

Das Beispiel oben ist recht extrem, weil es Action mit Nachdenklichkeit mischt, aber auch andere Mischungen können toxisch sein, z. B. Spannung und Trauer:

In langen schwarzen Mänteln betraten am vierten Oktober 2003 fünf Männer die Sparkassenfiliale in der Wormsberger Kasiusstraße. Sie verteilten sich sofort auf die verschiedenen Warteschlangen, zwei an den Geldautomaten, die drei anderen für die an diesem Tag gut besuchten Schalter. Keiner der anderen Kunden beachtete die fünf besonders.

Vor der Filiale heulte ein Motor auf, eine tiefe Hupe erscholl, und dann krachte ein Lkw in die Reihe Autos, die gerade an der Ampel warteten, und schob die hintersten zwei in die vorderen hinein. Das entstehende Geschepper ließ alle Leute in der Bank sofort aufschauen, nur die fünf Männer in den schwarzen Mänteln machten sich sofort auf den Weg zu der Tür für die Mitarbeiter. Und während niemand sie beachtete, weil alle durch die herabhängenden Jalousieblätter auf den Verkehrsunfall spähten, knackten sie das Schloss der Tür und huschten hindurch.

Unter ihnen war Paul, der noch immer den Schmerz vom Verlust seines Sohnes in der Brust fühlte. Mit dem Geld aus dem Einbruch würde er es endlich schaffen, nach Kanada zu reisen und das Grab seines einzigen Kindes zu besuchen. Nichts trieb ihn mehr an, zu nichts hatte er mehr Lust. Die Reise würde ihm aber wenigstens diesen einen schweren Gang ermöglichen.

Für den Anfang einer Geschichte gilt, dass man ihn gut strukturieren und dabei auf ein klares Stimmungsbild (bzw. einen gut entworfenen Verlauf der Stimmung) achten muss.  Auch wenn es einem unter den Nägeln brennt, den Charakter der Figur sofort komplett und mit all seinen faszinierenden Eigenschaften und Facetten zu beschreiben, darf dies nicht dazu führen, dass die Erzählung dadurch gestört wird.

Zu viel auf einmal funktioniert nicht, wie wir auch im nächsten Abschnitt sehen werden.


Nächster Abschnitt:  4.6.4 Infodumps

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